Ausgabe Nr. 36 - September 2000
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FC Bayern und die 75. Minute
(von Corinna Meier)
Saisonauftakt beim FC Bayern München! Wir ließen es uns natürlich nicht nehmen, unsere Jungs bei diesem recht aussichtslosen Bundesligastart zu unterstützen. So machten wir (Bert, Joachim und ich) uns am Freitagabend um 18:00 Uhr auf den Weg.
Der liebe Bert vergaß leider, seine Bleischuhe auszuziehen, so dass wir mit einer kleinen Pause bereits um 22:45 Uhr in München ankamen. Etwa 25 km vor München zeigte Berts Bordcomputer an, dass unser Benzin noch genau für -:- Kilometer ausreicht. Ein allgemeines Schweigen erfüllte den Innenraum des Wagens, Joachim und ich sahen uns schon schieben. Nur der Bert hatte die Ruhe weg und meinte, er kenne sein Auto und das würde schon passen bis zur nächsten Tankstelle. Er behielt Recht und Joachim und ich unsere Muskelkraft.
Heile in München angekommen, stellten wir unseren Wagen am Hauptbahnhof ab und machten uns auf den Weg in den nächsten Biergarten - der ersten Maß entgegen. Um 00:37 Uhr mussten wir am Bahnhof sein, denn da kam auch noch Unterstützung aus Aachen, die Tanja mit ihrem Hertha-Schal, das sind wahre Fan Freunde. Auch unseren "Jugendherbergsvater" Stefan trafen wir am Bahnhof. Bert und ich haben Stefan bei einem Spiel der Bayern hier in Berlin kennen gelernt und auf Anfrage von Bert hat er gleich zugestimmt, dass wir bei ihm übernachten dürfen. Alle zusammen haben wir dann noch eine Disco aufgesucht. Nur, wir befanden uns in München und morgens um 4:00 Uhr ging das Licht aus. Schluss mit Lustig - Sperrstunde! So machten wir uns auf den Heimweg.
Am nächsten Morgen wurden wir dann alle früh von Berts Handy geweckt. Aber wir konnten ihm verzeihen, da sich der nächste Hertha-Fan angemeldet hatte. Micha kam gerade direkt aus Spanien, wir verabredeten uns für den Nachmittag. Es kehrte nochmal kurz Ruhe in unser Zimmer, bis Tanja ein fröhliches "Guten Morgen" in den Raum warf. Joachims Antwort darauf lautete schlicht und ergreifend: "Kochst Du Kaffee?" Kurz drauf machten wir uns dann auf den Weg in die Stadt, dort trafen wir noch eine Freundin von Tanja. Alle zusammen nahmen wir noch ein gemütliches Frühstück ein - Weißwürste, was sonst? Weiter ging es Richtung Dallmayer, etwas Kultur muss ja nun auch sein. Die brühende Hitze machte uns jedoch zu schaffen, so dass wir noch einen kleinen Weinladen aufsuchten und anschließend das nächst beste Straßencafe. Hier traf dann auch kurz drauf Micha zu uns. Micha sah nicht wirklich fit aus, aber er war ja auch immerhin schon 30 Stunden auf den Beinen. Wir leerten unsere Gläser und machten uns mit der U-Bahn auf den Weg ins Stadion. Dort erreichten uns dann auch Kai und seine Freundin, die es nach vielen Staus und fast achtstündiger Fahrt doch noch geschafft hatten, rechtzeitig zum Anpfiff in München anzukommen. Der Hertha Block war bereits gut gefüllt und bester Stimmung. Das Stadion war mit 57.000 Besuchern nicht ausverkauft, der Hertha Block jedoch war beim Anpfiff bis zum letzten Platz gefüllt.
Die Ansagen des Stadionsprechers bis zum Anpfiff waren wirklich gut einstudiert: Wir mussten uns leider des öfteren anhören, dass Bayern München in diesem Jahr sein hundertjähriges Bestehen feiert und welche Erfolge in diesen Jahren erreicht werden konnten. Und für jeden, der es vielleicht noch nicht gehört hatte, bzw. es schon wieder vergessen hatte, wurde dieser Vortrag auch oft genug wiederholt. Auch der letzte unter Alzheimer oder Schwerhörigkeit leidende Spielbesucher muss es bis zum Anpfiff begriffen haben, welch tolle Mannschaft uns gleich die Ehre gibt. Schade nur, dass die Fans von ihrer eigenen Mannschaft anscheinend nicht so begeistert waren bzw. sie vergessen hatten, wir man die Mannschaft unterstützt. Aber auch da konnte der Stadionsprecher helfen, er forderte die Fans auf, die Mannschaft ab der 75. Minute noch einmal richtig zu unterstützen. Hierzu sollte die 75. Minute bekannt gegeben werden und zudem metergroße klatschende Hände auf der Anzeigetafel erscheinen. Na, was soll ich sagen, dieses verbale als auch visuelle Auffordern war nicht wirklich erfolgreich. Die Hertha Fans gaben den Bayern Fans nicht ernsthaft eine Chance. Das Spiel nahm seinen Verlauf, die Bayern gingen in Führung, die Fans waren nicht zu hören. Die Hertha Fans hingegen unterstützten ihre Mannschaft trotz Rückstand mit minutenlangen Gesängen. Auch beim zweiten Gegentor ließen sich die Hertha Fans nicht demotivieren. Die Stimmung in der Hertha Kurve war wirklich toll. Es kam das dritte Gegentor, auch hier war von den Bayern nichts zu hören. Dann gelang unseren Jungs der Anschlusstreffer, der Hertha Block feierte und bis zum Schluss wurde lautstark gesungen, auch die 75. Minute, die von dem Stadionsprecher so erwartungsvoll angesagt worden war, konnte nichts daran ändern, dass der Hertha Block der lautere war. Das vierte Gegentor ging bei dem Jubel unserer Fans total unter. Wir einigten uns darauf, lieber ein Verlierer zu sein als ein Bayern Fan.
Die Hertha Fans verließen vergnügt und bester Stimmung das Stadion. Die Bayern Fans hingegen kamen mit hängenden Köpfen aus dem Oval. Wenn man die Fans sah, fragte man sich wirklich, wer dieses Spiel nun eigentlich verloren hatte.
Wir machten uns mit der S-Bahn auf den Weg in die Stadt, wir verabredeten uns mit Kai und seiner Freundin am Hauptbahnhof, da sie mit dem Auto am Stadion waren und ihren Wagen mit in die Innenstadt nehmen wollten. Am Bahnhof angekommen, fragten wir uns, warum wir hier eigentlich auf die beiden warten sollten, denn schließlich konnten sie ja schon alleine S-Bahn fahren. Unser Ziel war ein Bierkeller, welchen Bert, Joachim und Kai schon bei dem letzten 60er Spiel besucht hatten. Also rein in die S-Bahn. Wir verfuhren uns und mussten wieder zwei Stationen zurück und umsteigen. Wir waren alle ziemlich durstig und wir wollten nur noch ein kühles Bier. Wir erreichten den Bierkeller dann auch problemlos. Kurz drauf meldeten sich auch Kai und seine Freundin, Bert erklärte ihnen den Weg und auch sie verliefen sich noch ein kleines Stück. Unsere Bedienung kam und läutete die letzte Runde ein, wir rechneten schon damit, dass Kai und Steffi es nicht mehr schaffen würden und leider keinen Drink mehr bekommen würden. Ja, ja, München und die Sperrstunde. Aber sie schafften es noch auf die letzte Minute. Neben uns feierten einige junge Tschechen so lautstark, dass es uns kaum möglich war, uns zu unterhalten. Der Bierkeller schloss kurz darauf und wir machten uns also mal wieder auf den Weg zur S-Bahn. Endlich wieder S-Bahn fahren! Der Zug kam auch bald, nur war er jedoch etwas kurz, so dass wir rennen mussten, um ihn zu erreichen. Der liebe Micha, der schon die ganze Zeit völlig erschlagen hinter uns her lief, wollte das wohl nicht und als auch er endlich an dem Zug ankam, ging direkt vor seiner Nase die Tür zu. Sein erstaunter Blick war wirklich zum Schreien. Mit vereinten Kräften gelang es uns dann doch noch, die Tür zu öffnen und Micha durfte doch mit uns gemeinsam den Weg Richtung Ostbahnhof aufnehmen, den einzigen Ort in ganz München, an dem man nach 24:00 Uhr noch ein Bier trinken darf.
Nach einigen Minuten Fahrt stellte Micha fest, dass er nicht mehr S-Bahn fahren möchte und fragte trocken, ob Herr Handschumacher jetzt nicht nur Handy-süchtig sei, sondern auch noch S-Bahn-süchtig.
Micha und Joachim machten sich noch an diesem Abend auf den Heimweg, währen wir noch einen Tag bei Stefan blieben. Am nächsten Morgen ging es dann früh raus, da Bert und ich Tanja versprochen haben, sie zum Bahnhof zu bringen. Tanja kam pünktlich am Bahnhof an, sie machte sich auf den Weg nach Mannheim, denn da spielte an diesem Tag ihre Alemannia Aachen. Wir nahmen noch ein Frühstück zu uns, ja, ja, Weißwürste natürlich, dann ging es zurück nach Berlin. Um 19:30 Uhr kamen wir ziemlich erschlagen in Berlin an. Alles in allem war es ein sehr amüsantes und nettes Wochenende in München, obwohl die Bayern die drei Punkte holten.
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