Europa, da sind wir wieder...
(von Bert Handschumacher)
Am 15. September 1999 sollte es losgehen. Nach über zwanzig Jahren betritt Hertha BSC wieder die internationale Bühne. Für jemanden wie mich, der damals im April 1979 im strömenden Regen des Olympiastadions den letzten Auftritt Herthas im Europacup verfolgt hat, war klar, dass er seine Hertha bei ihren Champions-Ligue-Auftritten begleiten würde.
So fand ich mich dann mit anderen 30 Unentwegten am Flughafen Tegel ein, um die Reise nach Istanbul anzutreten. Bei den Sicherheitskontrollen (ein Hertha-Trikot und -Schal im Rucksack können dort für Probleme sorgen) ein erster Smalltalk mit Hertha-Präsident Müller. Nach dem 1:5 von Hamburg hatte ich eher gemischte Gefühle, die Müller aber nicht teilen wollte. Er versprach eine ganz andere Hertha-Mannschaft, die sich in Istanbul präsentieren würde. Er sollte recht behalten.
Der Flug mit Turkish-Airways (die flogen doch tatsächlich mit einer ganz neuen Boeing 737 - 800) war recht angenehm. Kompliment an FTI-Touristik, die den ganzen Spaß inklusive Karte und Übernachtung im Vier-Sterne-Hotel für 699.- DM möglich gemacht hat. Leider waren auch auf dem Flug einige Fans dabei, die nicht nur bereits sternhagelvoll auf dem Flughafen erschienen, sondern auch während des Fluges weiter tranken. So passierte nach einer halben Stunde, was passieren musste: einer erbrach ca. vier Liter Bier auf zwei Sitzreihen.
In Istanbul angekommen, wurden wir auf dem Flughafen bestaunt. Dennoch waren 30 Hertha-Fans nicht in der Lage, stimmgewaltig gegen einen 70-jährigen Türken, der zwanzig Minuten lang sein "Cim Bom Bom" brüllte, anzukommen. Wie sollte das erst im Stadion werden?
Nach einer Stadtrundfahrt und dem Einchecken im Hotel fuhren wir die vier Kilometer zum "Ali-Yami-Sen-Stadion". Wie sich herausstellte, eine Bruchbude von 1961, deren baulicher Zustand noch schlimmer ist als der des Olympiastadions. Was aber die Fans von Galatasaray boten, war schon mehr als südländische Begeisterung. Das ganze Stadion war in gelb und rot getaucht, während die beiden Tribünenseiten abwechselnd ihre Schlachtgesänge vorgaben. Es war einfach beeindruckend. Da war es schier unmöglich, mit 150 Hertha-Fans gegenzuhalten.
Als endlich die Champions-League-Hymne ertönte, ging uns allen ein kalter Schauer über den Rücken. Irgendwie war alles noch wie im Traum.
Hertha startete überraschend gut. Wosz und Hartmann sowie Dardai ließen den Ball im Mittelfeld schnell laufen und es ergaben sich mehrere gute Chancen. In der 13. Minute wurde aus unserem Traum Realität: nach einem schönen Pass von Deisler bekam Micha Preetz den Ball wunderbar aufgelegt und schoss aus 17 Metern eiskalt ins linke Eck. Als dann eine Minute später Wosz nach einem herrlichen Solo das 2:0 erzielte, geriet der kleine Hertha-Block in Extase und die Schlachtgesänge der Galata-Fans hörten abrupt auf. So, als ob man bei einer Musik-Box den Stecker rauszieht.
Immer wieder rieben wir uns verwundert die Augen. War das die Hertha, die noch vor vier Tagen so sang- und klanglos in Hamburg untergegangen ist? Leider schaffte Istanbul noch vor der Pause den Anschlusstreffer. Jedoch hatten wir alle in der Pause ein gutes Gefühl, leider auch eine Menge Durst. Wir im Block eingesperrt und kein Getränkestand. Ein Istanbuler Polizist hatte Mitleid mit mir, so dass ich, flankiert von 2 schwerbewaffneten Polizisten, in den Istanbul-Fanblock geleitet wurde, wo ich mir erst einmal diverse Getränkedosen kaufen konnte.
In der zweiten Halbzeit knüpfte Hertha dort an, wo man in der ersten aufgehört hatte. Sicheres Auftreten in der Abwehr und variables schnelles Spiel im Mittelfeld. Man hatte das Gefühl, hier kann heute nichts mehr anbrennen. In der 73 Minute hätte dann die Vorentscheidung fallen müssen. Ali Daei stürmte allein auf das Tor zu und vergab diese Großchance viel zu überhastet. Die letzten zehn Minuten wurden dann dramatisch. Hartmann musste verletzt an der Seitenlinie behandelt werden und konnte nicht mehr weiterspielen. Leider hatten wir schon dreimal ausgewechselt, so dass wir nur noch mit zehn Mann spielten. Eine hohe Eingabe hat Herzog souverän geklärt, nur leider musste Konstantinides die alte türkisch-griechische Feindschaft in dieser kritischen Situation ausleben. Provoziert und umgestoßen von Ümit, schlug er diesem im Rückwärtsfallen mit der Hand ins Gesicht. Der Ball war derweil in der Hälfte von Istanbul. Welch eine Dummheit! Rot für Kostas war klar. Aber nur Gelb für Ümit. Auch er hätte Rot bekommen müssen. Nach minutenlangen Diskussionen zeigte der Schweizer Schiedsrichter Urs Meyer auf den Elfmeterpunkt. Wütende Reaktionen der Hertha - Fans. Das erste Foul kam von Ümit. Also hätte es indirekten Freistoß für Hertha geben müssen. Alle Proteste halfen nichts. Haghi ließ sich diese Chancen zum Ausgleich nicht entgehen. So eine Ungerechtigkeit! Istanbul hätte noch vier Stunden spielen können und kein Tor mehr erzielt. Viel zu sicher stand Herthas Deckung. Mit nur noch acht Mann wurde dieses Unentschieden verteidigt. Dennoch haben wir hier zwei Punkte verschenkt.
Nach dem Spiel traf ich durch Zufall das Schweizer Schiedsrichtergespann. Mit ihnen diskutierte ich heftig die Situation, die zum Elfmeter geführt hatte. Mehr oder minder kleinlaut gab Hauptschiedsrichter Meyer dann zu, dass es indirekten Freistoß für Hertha hätte geben müssen.
Während sich im Hotel der Rest der Reisegruppe mit Bier und Raki - teilweise - volllaufen ließ, genehmigte ich mir noch eine Stadtrundfahrt mit einem Taxi durch das nächtliche Istanbul. Es ist schon ein besonderes Erlebnis über die Bosporus-Brücke nach Asien zu fahren und die Hagia-Sophia bzw. die blaue Moschee bei Nacht zu bewundern.
Als ich dann um zwei Uhr morgens wieder im Hotel ankam, sah man einige Fans betrunken in der Hotelhalle liegen - bzw. einen mit blutverschmiertem Gesicht und dicker Lippe im Vollrausch. Nachdem schnell zwei Kellner kamen, um die Fans mit Bier zu versorgen, wollten einige nicht bezahlen. Sehr schnell entwickelte sich ein heftiger Disput und die Faust eines Kellners landete im Gesicht des Betrunkenen. Leider gibt es immer wieder einige, die unangenehm auffallen müssen und somit das gute Gesamtbild, dass die Hertha und ihre Fans hier in Istanbul hinterlassen haben, trüben.
Völlig erschöpft traten wir dann am Donnerstagmorgen den Heimflug an. Nur fragten wir uns immer wieder, wie wir mit diesen Verletzten die Heimspiele gegen Leverkusen und Chelsea bestehen sollen...
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