Musste das wirklich sein?
(von Harald Voß)
Das große Sommertheater in Berlin: Schalensitze, Klappsitze, Sondergenehmigungen, Panik und Verwirrung. Musste das sein?
Bereits im letzten Jahr, als Hansa Rostock kurz davor stand, sich im UI-Cup für den UEFA-Pokal zu qualifizieren, vernahm man merkwürdige Kunde von der UEFA: Nicht nur, dass die UEFA für Europapokalspiele Stehplätze aus Sicherheitsgründen grundsätzlich verboten hatte, nein, auch dass für die UEFA Sitzplatz nicht unbedingt gleich Sitzplatz ist. Hansa Rostock hätte damals lediglich rund 3000 Karten verkaufen dürfen, und das obwohl es im Rostocker Ostseestadion überwiegend Sitzplätze gibt - allerdings nicht in Form der geforderten Einzelsitze, sondern, wie auch im Berliner Olympiastadion, in Form von Sitzbänken.
Dass die üblichen Plastikschalensitze in der Regel viel unkomfortabler und unbequemer als Sitzbänke sind, jedenfalls wenn die dort sitzenden Personen nicht unbedingt der "Schalensitz-Norm" entsprechen, spielt da für die Herren der UEFA keine Rolle. Man blieb jedenfalls im vergangenen Jahr im Fall Rostock hart, weswegen Hansa es vorzog, die Qualifikation für den UEFA-Poakl lieber gleich zu verpassen. Für die Zukunft wird dann das Stadion komplett um- bzw. neu gebaut.
Mit dem Wissen um die Vorgänge in Rostock vor einem Jahr war es uns völlig unbegreiflich, wie man in Berlin noch bis kurz vor Saisonstart der felsenfesten Überzeugung sein konnte, ohne Probleme eine Ausnahmegenehmigung zu bekommen.
Warum sollte die UEFA ausgerechnet im Fall Berlin eine solche Ausnahme machen? Weil Berlin so eine schöne Stadt ist? Weil Hertha ein weiblicher Vorname ist? Weil unser Bürgermeister so schöne Reden hält? Mehrfach haben Fans auf Mitgliederversammlungen und Fantreffen diesbezüglich bei Hertha nachgefragt - man befürchtete schließlich einen Umzug in den viel zu kleinen, aber immerhin mit Schalensitzen ausgestatteten Friedrich-Ludwig-Jahn Sportpark oder gar in eine andere Stadt. Immer wieder wurden wir von den Verantwortlichen beruhigt: "Natürlich spielt Hertha in einem Olympiastadion mit voller Kapazität". Und dann das.
Erst kurz vor dem ersten Champions-League-Qualifikationsspiel wurden die Verantwortlichen schließlich hektisch - am Anfang ließ man sich sogar noch viel Zeit mit der Beratung (wie in Berlin üblich) und unser regierender Bürgermeister gab beruhigende Interviews, dass er ganz sicher sei, für das Olympiastadion doch noch eine Ausnahmegenehmigung zu bekommen. Dem war aber nicht so. Und plötzlich brach die Panik aus!
Als endlich vom Senat gehandelt wurde und ein Auftrag zum Einbau von Klappsitzen erteilt wurde, kamen die Firmen plötzlich mit der Lieferung nicht mehr hinterher. Aus allen Ecken und Winkeln wurden schließlich noch Schalensitze hervorgekramt, so dass das Olympiastadion mittlerweile einen ziemlich bunten Eindruck macht.
Neben grauen Klappsitzen gibt es dort blaue und grüne Schalensitze, die direkt auf die alten Bänke geschraubt wurden, aber auch graue Schalensitze, die man im Oberring auf den Beton montiert hatte, mit dem Erfolg, dass nun die Stufen der Zugänge eine gefährliche Stolperfalle darstellen - zum Glück ist das ganze nur ein Provisorium.
Aber: man hat es tatsächlich geschafft, wenigstens die 30.000 Sitze umzurüsten, die mit der UEFA vereinbart worden waren!
Nur: war das wirklich nötig? Spätestens nach den Erfahrungen von Rostock hätte jeder Verantwortliche in Berlin wissen müssen, dass für das Berliner Olympiastadion akuter Nachrüstungsbedarf besteht. Die Aufträge hätten sofort nach dem Feststehen des Erreichens eines internationalen Wettbewerbs erteilt werden können und man hätte das Stadion problemlos während der Sommerpause umrüsten können.
Aber das wäre vermutlich viel zu einfach gewesen!
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