Entschuldigen Sie, ist das der Sonderzug nach Freiburg?
(von Marco Lutz)
Am 22. Mai mussten unsere blau-weißen Helden beim SC Freiburg ihr letztes Auswärtsspiel der Saison 1998/99 bestreiten.
Mit einem Sieg hätte man dieses bis dahin "normale" zu einem "historischen" Spiel machen können, denn dann hätte Hertha den Platz für die Champions-League-Qualifikation schon vor dem letzten Heimspiel gegen den Hamburger SV sicher.
Aber so leicht war die Aufgabe im Breisgau nun auch wieder nicht, denn der SC Freiburg brauchte auch noch mindestens einen Punkt im Kampf gegen den Abstieg.
Schon circa zwei Wochen vor diesem Spiel bot Hertha in Zusammenarbeit mit einem Reisebüro eine Sonderzugfahrt (für günstige 69,- DM) nach Freiburg an.
Meistens reisen die Hertha-Freunde '92 zu den Auswärtsspielen in eigenen Pkws. Doch da Freiburg sehr weit entfernt ist und außerdem noch Pfingsten war, wollten wir uns diesen Stress nicht antun und entschieden uns für den Zug.
Nach dem Heimspiel gegen Hansa Rostock machte ich dann im Vereinslokal die ultimative Umfrage: Wer kommt mit im Sonderzug nach Freiburg? Wie ich schon befürchtet hatte, schreckte die meisten die lange Zugfahrt (ca. 20 Stunden) ab.
Im Endeffekt waren wir dann doch bloß fünf. Da ich in der Nähe von Freiburg geboren bin und der SC Freiburg nach Hertha mein Lieblingsverein ist, war für mich diese Fahrt natürlich erste Bürgerpflicht. Aber auch Susanne, Heike, Joachim und Kai wollten unsere Hertha in die Champions-League-Qualifikation begleiten.
So buchte ich fünf Tage vor dem Spiel unsere Fahrkarten und reservierte Plätze für den Zug. Ich ging natürlich davon aus, dass, wenn es noch Zugfahrkarten gibt, auch noch Eintrittskarten für das Spiel vorhanden sind, schließlich war die Sonderzugfahrt ausschließlich zum Besuch des Spiels gedacht.
Also wollte ich mir die noch fehlenden Eintrittskarten auf der Hertha-Geschäftsstelle besorgen. Dort erfuhr ich, dass es keine mehr gibt bzw. der Rest nach Freiburg zurückgeschickt wurde! Was nun? Ohne Karte nach Freiburg? Da ins Freiburger Dreisamstadion nur etwa 22000 Zuschauer passen, war mir das Risiko zu groß, auf gut Glück zu hoffen. Also rief ich auf der Geschäftsstelle des SC Freiburg an. "Karten für den Gästeblock? Haben wir bisher keine aus Berlin zurückbekommen." Aber eine Reservierung gegen Scheck und Abholung vor dem Spiel in der Geschäftsstelle sollte möglich sein. Das war zwar eine Alternative, aber mir immer noch zu unsicher. Bevor wir in den Sonderzug stiegen, wollte ich meine Karten haben.
Da fiel mir ein, dass ich ja noch die Telefonnummer von dem Vorsitzenden des SC Freiburg-Fanclubs Ortenau hatte. Er versprach mir auch, fünf Gästekarten für mich von der Geschäftsstelle abzuholen, doch immer, wenn er da war, war die Geschäftsstelle nicht besetzt.
Mittlerweile waren es nur noch drei Tage bis zur Fahrt, da kam mir die rettende Idee. Mein Vater befand sich bereits seit ein paar Tagen in der Nähe im Heimaturlaub, und ich konnte ihn dazu überreden, uns die Karten zu besorgen. Gott sei Dank! (Darauf hätte man auch wirklich früher kommen können...)
Samstagmorgen, 3.52 Uhr, Bahnhof Berlin-Charlottenburg. Endlich ging es los. Die Nachfrage nach der Zugfahrt war bei den Hertha-Fans so groß, dass man zu den ursprünglich geplanten sechs Waggons noch zwei drangehängt hatte. Für etwa 600 Herthaner hieß es jetzt, die lange Fahrzeit so kurzweilig wie möglich zu gestalten. Auch wir machten es uns in unserem Abteil gemütlich.
Leider hatten Joachim und ich unseren Durst arg unterschätzt. Nach rund zwei Stunden war unser gesamter Getränkevorrat (zehn Büchsen Bier) aufgebraucht. Also versuchte man sich im Getränkeanleihegeschäft oder wich gezwungenermaßen auf weniger ungesunde flüssige Nahrungsmittel aus. Wir haben jedenfalls wahnsinnig viel gelacht.
Samstagmittag, 13.15 Uhr, Hauptbahnhof Freiburg. Endlich angekommen. Die ganze Fahrt über blieb es absolut friedlich im Zug. Die Stimmung war bestens. Am Bahnhof erwarteten uns schon unsere Freunde vom SC Freiburg Fanclub Ortenau. Wir gingen noch in ein Restaurant, um ein Wiedersehensbier (endlich ein frischgezapftes!) zu trinken. Danach fuhren wir mit der Straßenbahn zum Stadion, wo mein Vater mit den Eintrittskarten auf uns wartete.
Mit den Freiburgern verabredeten wir, dass wir uns nach dem Spiel im Fanhaus der Breisgauer treffen würden.
Nun aber ins Stadion und in die Gästekurve. Die Stimmung war super und dann kam das, was alle Herthaner erhofften. Unsere blau -weißen Jungs gewannen mit 2:0. Hertha BSC hatte es geschafft und wir waren live dabei. Man kann eigentlich nicht in Worten ausdrücken, was sich nach dem Abpfiff für Jubelszenen im Hertha Block abspielten, obwohl es regnete wie aus Eimern.
Klitschnass verließen wir das Stadion und gingen zum vereinbarten Treffpunkt. Dort erwarteten uns schon unsere etwas traurigen Freiburger. Aber nachdem sie uns gratuliert und wir ihnen Mut gemacht hatten, wurde es flüssig. Da es das letzte SCF Heimspiel war, kostete das Bier nur noch eine Mark! Unglaubliche EINE Mark! Unsere beiden Damen und Kai hielten sich zurück, doch für mich und besonders für Joachim gab es kein Halten mehr. Man spendierte und bekam spendiert. Irgendwann haben wir völlig den Überblick verloren. Ich hätte fünf Hände brauchen können.
Gut war, dass wir noch unsere nüchternen Damen und Kai hatten. Sie machten uns darauf aufmerksam, dass wir ja noch nach Berlin zurück mussten. Ach ja, hatte ich ganz vergessen - schade eigentlich. Aber Joachim und ich hatten super getankt. Das reichte für die ganze Rückfahrt.
Also ging es samt Freiburgern mit der Straßenbahn zum Hauptbahnhof. Zum Abschluss bekam ich von dem Freiburger Fanclub noch ein tolles Geschenk: ein T-Shirt mit den Emblemen beider Fanclubs und dem Spruch "Fußball - feiern - Freunde treffen"! Eine tolle Geste. Besten Dank noch mal.
Dann verabschiedete man sich und stieg in den Zug. Um 19.30 Uhr ging es wieder nach Berlin. Man sollte es nicht glauben, es wurde eine relativ ruhige Rückfahrt mit viel Schlaf. Zum Feiern war man viel zu kaputt. Erst als Kai uns kurz vor Einfahrt in den Bahnhof Charlottenburg mit seinem abgewandelten Stadionspruch: "Macht euch bereit für den Bahnhof Charlottenburg!" aus dem Schlaf holte, war man halbwegs wieder klar im Kopf.
Sonntagmorgen, 4.45 Uhr, Bhf. Charlottenburg. Endlich wieder zu Hause. Man quälte sich aus dem Zug, um dann schnellstmöglich eine Taxe zu finden.
Zuhause angekommen, war man zwar völlig fertig, aber überglücklich. Es war eine "historische" Fahrt, die man so schnell nicht vergessen wird.
|