Europa, wir kommen!
Aber eigentlich haben wir uns das ganz anders vorgestellt.
(von Harald Tragmann)
Was war die Freude doch groß, als sich Hertha für einen europäischen Wettbewerb qualifizierte, vor allem als dann auch sogar die Champions-League möglich wurde. Mehr als 20 Jahre hatte so mancher, der das Halbfinale gegen Roter Stern Belgrad noch miterleben durfte, diesen Tag herbeigesehnt.
Aber was war in den letzten beiden Jahrzehnten geschehen in Europa? Da wurden merkwürdige Sitzplatzregeln eingeführt, die dazu führten, dass man zunächst gar nicht wusste, wie viele Zuschauer in den Genuss des ersten europäischen Auftritts kommen würden oder ob dieser gar überhaupt im heimischen Stadion stattfinden dürfte.
Wie schön einfach war es doch damals, als fast 80.000 Zuschauer unsere Hertha am 25.04.1979 nach vorne peitschten?!
Da gibt es auf einmal teure Geldbußen für übergroße Wink-Elemente, die nicht mehr dazu benutzt werden dürfen, die Farben seines Vereines hochzuhalten.
Wie schön war es doch damals, als man im Fanblock Mühe hatte, vor Fahnen das Spielfeld zu erkennen?!
Da wird man plötzlich per Lautsprecherdurchsage aufgefordert, seinen Hintern nach dem Torjubel auch ja wieder brav auf seinem normgerechten Schalensitz zu platzieren.
Wie schön war es doch damals, als die Fans so dicht gedrängt standen, dass es gar keine Möglichkeit zum Hinsetzen gab?!
Kein Wunder, dass einige Fans die Ordner fragten, ob sie denn wenigstens klatschen dürften, nachdem man einige sogar ernsthaft aufgefordert hatte, allzu lautes Trommeln zu vermeiden.
Was soll das Ganze? Will die UEFA den Zuschauer hinter den Fernseher drängen, raus aus den Stadien, die, bald mit einem sterilen Anstrich versehen, nur noch den Spielern und Funktionären Einlass gewähren?
Da darf es einen nicht wundern, dass einige Fans ihre Energien, die sie durch enthusiastische Anfeuerung im Stadion nicht mehr abbauen dürfen, diese dann nach dem Spiel auf dem Weg nach Hause entladen. Nicht, dass ich dies damit entschuldigen möchte, aber man sollte sich zwischen dem Zählen der Geldbündel, die im Europapokal verteilt werden, schon mal die Zeit nehmen, über die Ursache und Wirkung solcher Zusammenhänge Gedanken zu machen.
Aber nicht nur die Spiele selbst, sondern auch das ganze Drumherum soll wohl neuerdings finanziell ausgeschlachtet werden. So waren lediglich 40 Fans dazu bereit, den überteuerten Preis von 780,- DM für einen Flug nach Zypern zu bezahlen, obwohl man mit 300,- DM weniger Aufwand pro Fan eine komplette Maschine hätte chartern können. Und da kommen schon die ersten Gerüchte auf, dass Auswärtskarten für die Champions-League nur über Touristikunternehmen und somit wohl nur in Verbindung mit einem Flug zu erhalten seien.
Es wäre ja wohl auch vermessen, wenn jemand auf die Idee käme, alleine anreisen zu wollen oder gar ein paar Tage Urlaub an den Spielorten zu verbringen.
Bleibt also wieder nur der Fernseher daheim, aber da war doch was... Ah ja, natürlich sind die Spiele des FC Bayern viel interessanter, so dass die 5 Mio. Hertha-Fans in und um Berlin wohl mit 60-minütigen Zusammenfassungen vorlieb nehmen müssen, nachdem man hoffentlich einige Minuten des Spiels im Radio hatte erhaschen können.
Wie war das einfach in der letzten Saison, als man auf RTL und Premiere zwischen den Vereinen wählen konnte, vielleicht erkennt TM3 ja doch noch den Vorteil darin, Spiele, die man selbst nicht ausstrahlen kann oder will, an andere Gewinn bringend abzugeben, schließlich gibt es in Deutschland nicht nur Bayern-Fans.
Doch lassen wir uns von alledem unsere gute Laune nicht vermiesen und freuen uns trotzdem auf schöne und vielleicht sogar erfolgreiche Spiele unserer Hertha in der Königsklasse.
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